Kolik aus Sicht der TCM und ihre Behandlungsansätze
aus unserer Reihe Verdauungssystem Pferd
Wie Koliken aus der Perspektive der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) entstehen und wie diese jahrhundertealte Heilkunst zur Linderung und Vorbeugung beitragen kann, erfährst du im folgenden Artikel.
Um die Sichtweise der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) zu verstehen, ist es wichtig sich von der westlichen Denkweise zu lösen. Die TCM unterteilt den Körper nicht in Organsysteme, sondern in Funktionskreise. Zu einem Funktionskreis gehört (meist) auch ein Organ, genauso wie der dazugehörige psychische Aspekt, ein Element (Feuer, Erde, Wasser Luft) und noch vieles mehr. Eine sehr große Rolle spielt auch der Fluss der Energien, der in Meridianen oder Leitbahnen beschrieben wird und ebenfalls zu den Funktionskreisen dazugehört. Äußere Einflüsse wie Wind, Nässe, Hitze, Kälte und andere Umgebungs- und Umweltfaktoren, werden als krankmachende Faktoren gesehen und fließen in die Therapie mit ein. Hier kommen wir dem Thema Kolik schon etwas näher.
Neugierig geworden? Wie das alles zusammenhängt und wie die grundlegende Sichtweise der TCM auf Krankheiten und krankmachende Faktoren im Verdauungsapparat ist, erklären wir dir hier in einem kleinen Überblick:
Qi & Xue:
Die TCM betrachtet den Körper als ein System, in dem durch das Qi ,“die Lebensenergie“, das Xue, „die Lebenssäfte“ im Körper bewegt werden. Die freie Bewegung von Qi und Xue im Körper ist die Basis für körperliche und geistige Gesundheit. Ist der Fluss gestört oder blockiert, entstehen Symptome und Krankheiten.
Koliken, also Bauchschmerzen beim Pferd werden in der TCM als Störung des Energieflusses sowie des Gleichgewichts angesehen. Diese Störung führt in Folge zu Schmerzen, Unbehagen und Verdauungsproblemen.
Wie funktionieren die betroffenen Funktionskreise?
In der TCM sind Funktionskreise den namensgebenden Organen übergeordnet und nicht immer direkt in Verbindung zu bringen.
Für die Verdauung sind die Funktionskreise der „Mitte“, also Milz und Magen, von großer Bedeutung. Die Milz zieht das Qi, also die Energie, aus der Nahrung heraus, um es „nach oben“ zu den Funktionskreisen Lunge und Herz zu führen. Das ähnelt auch unserem westlichen Verständnis von Verdauung. Von dort aus wird es dann weiter verteilt, bzw. in Xue umgewandelt. Die natürliche Richtung des Milz-Qi, also der Milz-Energie geht deshalb nach oben. Die Milz mag es übrigens grundsätzlich trocken und warm. Sie ist deshalb z.B. bei nassem Wetter immer leicht in Anspruch genommen und anfälliger.
Beim Verdauungsvorgang trennen diese beiden Funktionskreise der „Mitte“ das „Klare vom Trüben“ aus der Nahrung. Also das „Gute, Gesunde und Nährende“ von den „Abfallprodukten“. Das „Klare“ wird verwendet und das „Trübe“ sollte möglichst vollständig wieder ausgeschieden werden. Gleiches gilt auch für emotionale Eindrücke!
Der Funktionskreis der Leber spielt hier auch noch eine sehr entscheidende Rolle. Er ist dafür zuständig, die Energien, die durch die Verdauung der aufgenommenen Nahrung entstanden sind, im Körper zu verteilen. Die Leber gilt in der TCM sogar als der Motor des gesamten Körpers, der den harmonischen und gleichmäßigen Fluss des Qi gewährleistet.
Entstehung von Krankheiten und Symptomen:
Durch „Schwächen“, also dort, wo der Energiefluss nicht optimal gegeben oder blockiert ist, kann es zu sog. Ablagerungen kommen, die die Funktionskreise und Organe langfristig belasten. Diese Schwächen können sehr unterschiedliche Ursachen haben. Zugrunde liegt immer eine Irritation, die körperlicher aber auch emotionaler Natur sein kann.
Zwischenfrage: Hast du schon ein mal davon gehört, oder es selbst erfahren, dass sich emotionale Themen in bestimmten Bereichen des Körpers zeigen können? Oder, dass unverarbeitet emotionale Empfindungen, die im Körper gespeichert sind, körperliche Symptome auslösen können? Hast du bei Stress zum Beispiel schon einmal Magenschmerzen bekommen?
Die TCM hat hier ihre ganz eigene Betrachtungsweise: der Körper kann nie getrennt von emotionalen Themen und Zuständen gesehen werden. Dies gilt nicht nur für den Menschen, sondern genauso auch für Pferde.
Bauchschmerzen entstehen also grundsätzlich bei Beeinträchtigungen der Funktionskreise durch eine Disharmonie von Qi („die Lebensenergie“) und Xue („die Lebenssäfte“). Schmerzen sind dann das Resultat dieser Blockade.
Geht die Problematik über leichte Verdauungsschwierigkeiten hinaus, spricht man dann von einer ernsthaften Kolik.
Diese können in der TCM unterschiedliche Ursachen haben, meistens hängen sie mit einer Leber-Qi-Stagnation zu tun. Diese entsteht, wenn das Qi nicht frei durch den Körper fließt, sondern sich irgendwo staut. Bei der Verdauung zeigt sich das durch Blähungen und aufgesagten Bäuchen, die Nahrung bewegt sich einfach nicht „ordentlich“ weiter. Die Leber ist wie oben angedeutet in der TCM zuständig für den „freien Fluss des Qi“, den man auch für eine gute und regelmäßige und auch schmerzfreie Verdauung braucht.
Die natürliche Richtung des Magens und des Darms geht nach unten, weil der Speisebrei nach hinten befördert werden muss. In der TCM spricht man hier oft von „absenken“. Wenn das durch die Qi-Stagnation gestört wird, kann sich die Richtung umkehren und das „rebellierende Magen-Qi“ entsteht. Also die Energien wirken emporhebend bzw. aufsteigend und das behindert die Verdauung. Das kann u.a. auch zum Aufstoßen oder Magengeschwüren führen.
Bei einer Leber-Qi-Stagnation wird der natürliche Fluss des Milz-Qi behindert und das Qi steigt nicht hinauf. Dadurch lagert sich Feuchtigkeit (ein krankmachender Faktor in der TCM) oft ab, anstatt ausgeschieden zu werden. Das kann besonders Kotwasser verursachen und führt zu einem Völlegefühl – auch wenn uns das unsere Pferde nicht direkt sagen können.
Ganz typisch für eine Leber-Beteiligung bei Verdauungsbeschwerden ist, dass die Beschwerden häufig wechseln können, auch die Kotkonsistenz schwankt von zu weich bis zu hart oder trocken.
Eine weitere Erklärung aus der TCM für den großen Einfluss der Leber auf die Verdauung hat sogar einen eigenen Namen: „Leber attackiert Milz und Magen“ (oder „Holz attackiert Erde“). Die Leber hat im 5-Elemente-Zyklus die Aufgabe, Milz und Magen zu kontrollieren, sowie das Holz (Wurzeln) die Erde befestigen kann. Das heißt, die Leberfunktion hat großen Einfluss auf die Funktionalität von Milz und Magen. Wenn die Leber allerdings unter Druck kommt, zu heiß oder zu „sauer“ wird, verwandelt sich die Kontrolle in eine Attacke und das Pferd bekommt Magenschmerzen und Durchfall.
Diese Phänomene treten übrigens gerne in Verbindung mit Aufregung, Leistungsdruck, Stress oder Wetterwechseln auf.
Zusammenfassend können folgende Ursachen aus TCM-Sicht zu einer Kolik führen:
- Qi-Stagnation: Blockaden im Energiefluss können zu Schmerzen und Spannungen führen
- Hitze: Übermäßige Hitze im Körper kann zu Entzündungen und Schmerzen führen
- Feuchtigkeit: Feuchtigkeitsansammlungen können den Verdauungsprozess behindern
- Yin-Mangel: Ein Ungleichgewicht im Yin kann zu trockenen Darmbedingungen führen
Vorbeugung und langfristige Gesundheit:
In der TCM wird sehr großen Wert auf Prävention gelegt.
Ein gesundes Gleichgewicht von Energie und Körperflüssigkeiten kann dazu beitragen, das Risiko von Koliken beim Pferd langfristig zu verringern. D.h. regelmäßige TCM-Behandlungen und die bewusste Pflege, können die allgemeine Gesundheit und das Wohlbefinden eines Pferdes fördern und präventiv wirken. Das bedeutet, die zugrundeliegenden Blockaden im System des Pferdes zu finden und dann darauf eingehen zu können.
Kleiner Sitestep: In unserem heutigen Gesundheitssystem wird vorwiegend Nachsorge betrieben. Anspruch auf eine Behandlung hat meist nur, wer schon krank geworden ist. Das ist traurig, aber wahr. Lediglich ein sehr kleiner Betrag der Gesundheitsgelder fließen in Präventionsmaßnahmen. Stell dir jetzt einmal vor, dass all die Gelder in die Gesunderhaltung der Menschen fließen würden? Was würde passieren?
Wir sind auf jeden Fall große Fans der Vorsorge und der Förderung des allgemeinem Wohlbefinden. Deshalb arbeiten wir so gerne mit der TCM, denn die Pulse zeigen oft schon sehr früh, wenn ein Funktionskreis Probleme hat. So können wir handeln, bevor hartnäckige Symptome entstehen. In diesem Sinne, hoffen wir, dass dir dieser Einblick in die TCM-Perspektive auf Pferdekolik gefallen hat.
Indem wir verschiedene Ansätze kombinieren, können wir das Wohlbefinden unserer Pferde auf ganzheitliche Weise fördern. Und das lieben wir!
Und denke daran, dass die TCM eine komplementäre Behandlungsmethode ist und keinesfalls die tierärztliche Versorgung ersetzt. Bei Anzeichen von Pferdekolik ist es immer ratsam, sofort einen Tierarzt zu konsultieren.
Bis zum nächsten Newsletter wünschen wir dir und deinen Pferden beste Gesundheit!
